„Markiert“ – My Blue Story

Zwei alte Fotos von Familien aus dem Nahen Osten eingerahmt in roten Fotorahmen und auf dem Asphalt stehend

Foto: Johanna Richter / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc-nd)

Als ich einmal im Ausland einen Sprachkurs für Jungs gab, die aus Krisengebieten in Afrika und dem Nahen Osten geflohen waren, bekam ich im Anschluss zahlreiche Freundschaftseinladungen auf Facebook – ja, auch wenn sie mit dem Boot und wenigen Sachen über das Mittelmeer nach Europa kamen, hatten manche ein Smartphone oder Laptop. Weil es mich interessierte, wie es mit ihnen weiterging, vielleicht auch um verbindlich zu bleiben, nahm ich die Einladungen an. Zu Faris, Tarek und Rami entwickelte sich mit der Zeit über Facebook ein intensiver Kontakt…

FARIS. Er mag die poetischen Worte, vor allem zu Feiertagen. Einmal postete er ein Selfie und schrieb dazu, dass ihm besonders ganz bestimmte Facebook-Freunde viel bedeuteten, die er auch gleich markierte: weniger als zehn, ich war darunter. Mutig von ihm eine Auswahl zu treffen, dachte ich, aber fühlte mich unwohl, diese Bedeutung nicht erwidern zu können, und ließ die Markierung in meiner Chronik nicht zu. Ich freue mich aber zu sehen, dass es ihm nach einer längeren Verletzung besser geht, er viel Sport macht und für seine Sportkarriere sogar einen Umzug in ein neues Land überlegt.

TAREK. Alle paar Monate fragte er mich kurz, wie es mir ginge, ohne selbst auf meine Gegenfrage zu antworten. Immer wieder versuchte ich mehr zu erfahren, zeigte ihm ein Buch, das ich gerade gelesen hatte, über einen Jungen, der eine ähnliche Reise wie er erlebt hatte. Aber keine Reaktion. Er kommunizierte lieber über Fotos: Eines Morgens sah ich mich auf Kriegsbildern markiert. Und versuchte zu verstehen. Dann erzählte er mir fast beiläufig im Facebook-Chat, dass er gerade am Bahnhof in Italien wäre und gleich den Zug zurück in sein Heimatland nehmen würde. Zwei Jahre war er schon ohne Papiere, fühlte sich krank. Ich sagte, dass ich traurig sei, weil ich ahnte, was ihn für eine gefährliche Rückreise erwartete, aber er war fest entschlossen. Eine Woche später erfuhr ich, dass er doch zurückgekehrt war. Jahre später bekam er endlich seine Papiere. Er reiste sogar mit einem Freund in meine Stadt in Deutschland, aber wir trafen uns nicht, weil ich im Urlaub war. Über Facebook sehe ich aber, dass er glücklich aussieht, Theater spielt und verknallt wirkend Fotos von seiner Freundin postet.

RAMI. Mit ihm nahm der Kontakt über Facebook über die Jahre so stark zu, dass die Facebook-Symbole “Sprechblasen” oder “Globus” rechts in der Ecke manchmal mehrmals täglich rot aufleuchteten. Er markierte mich auf Fotos, schrieb dazu, er sei gerade mit mir irgendwo, obwohl ich weder auf dem Foto, noch bei ihm war. Oft schrieb er mehrmals hintereinander die gleichen Worte: dass ich ihm helfen solle eine Freundin zu finden. Da die Kommunikation mit ihm besser mündlich als schriftlich klappt, skypten wir ab und zu, doch die Verbindung war oft durch Rauschen gestört und immer wieder kam es zu sprachlichen Missverständnissen. Dennoch erfuhr ich, dass er erfolgreich seine Ausbildung abgeschlossen hatte, viele Bücher las, und gerne mit mir eine Weltreise machen würde. Nach hause wird er erstmal nicht zurückkehren können. Ich erzähle ihm manchmal, wenn er fragt, welche Veränderungen es bei mir so gibt und er wünscht mir dann viel Erfolg.

Wenn ich so im Alltag meine Nachrichten und die Timeline auf Facebook checke, und zwischen Party- und Urlaubs-Posts meiner Freunde plötzlich eine Nachricht von den mittlerweile jungen Männern erhalte, zum Beispiel von Rami, dass er mich sehr vermisst und ich die einzige ehrliche Freundin sei…dann frage ich mich, ob es vielleicht zwei Facebooks in meinem Facebook gibt: Das meiner einfachen Welt, die das Netzwerk nur als weiteres Kommunikationsmedium unter vielen nutzt. Und das ihrer komplizierteren Welt, für die das Netzwerk ein entscheidendes Tor zu ihrem Gefühl von zuhause ist, zu dem sie mich nun zählen. Vielleicht aber sehen Faris, Tarek und Rami in mir auch nur eine ehrliche Freundin, weil ich so zuverlässig bin: Jeden Tag in ihrer Timeline. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass ich diese Timeline nicht mehr verlassen kann.

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