“Tribute to Patrick Swayze” – My Blue Story

Frau im Kleid an Straßenlaterne, vor ihr schwarze Männerschuhe, alles unscharfe Optik

Foto: Marie Fleur Borger / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

Sonntag Abend Mitte September. Ich sitze in meiner Ein-Raum-Wohnung in Neukölln. Alleine. Keine Verabredung. Keinen Plan. Keine gute Laune. Während ich mir eine Portion “Arme Ritter” mit Nutella reinziehe, die ich um 22 Uhr aus den spärlichen Zutaten in meinem Kühlschrank noch gezaubert habe, stöbere ich lustlos auf Facebook herum. Babybilder, Katzenbilder, Partybilder. Alle scheinen ja ständig immer nur Spaß zu haben. Weil ihre Kinder so wahnsinnig süße Grimassen schneiden. Oder weil die Kunststücke ihrer eigenen oder fremden Haustiere zum Brüllen komisch sind. Oder weil alle in jedem Moment super gestylt in den angesagtesten Bars rumhängen.

Jedenfalls: Ich steigere mich richtig rein in den Gedanken, dass es allen besser geht als mir gerade. Und lasse mich zu einem sehr frustriert klingenden Status-Update verleiten:

“Allein zu Hause, ‘Arme Ritter’ mit Nutella und dabei Dirty Dancing.”

Und dann die richtige Katastrophe: Was ist schlimmer noch, als so ein Posting geschrieben zu haben? Genau, dass keiner, aber auch wirklich keiner, darauf reagiert. Nix. Kein Like. Kein Kommentar, der das obligatorische und für alle sichtbare Mitleid mit meinem einsamen Schicksal ausdrückt. Keine “PN”. Noch nicht mal von meiner besten Freundin.

Wie denn auch, alle meine Freunde sind ja gerade unterwegs und beschäftigt mit Spaßhaben, denn es ist Sonntag Abend in den Semesterferien, da trifft man sich ganz real face-to-face mit Freunden oder der Familie, denke ich, zum gemeinsamen Tatortgucken, oder man macht in einer so lauen spätsommerlichen Nacht so abgefahrene Sachen wie im Freibad einbrechen oder auf irgendwelchen Dächern über Berlin rumturnen oder zumindest auf dem Balkon einen Joint rauchen, denke ich weiter, ja genau, und sich dabei ganz verrucht vorkommen oder Sex haben, denke ich, oder anderen Menschen beim Sex zugucken und dabei masturbieren, oder Karaoke singen oder Spieleabend, wenn es wirklich sein muss, oder…

Mehr als über meine intelligenten, gutaussehenden und viel beschäftigten Freunde beginne ich mich daraufhin über mich selbst zu ärgern. Was mache ich hier eigentlich? Wieso vergammele ich meine Zeit zu Hause, stopfe mich mit Essen voll – erst süß, dann herzhaft, dann Alkoholisches, dann Zigaretten, als Krönung noch ohne Zähneputzen ins Bett – und schreibe peinliche und uncoole Sachen über mich bei Facebook?

Heute weiß ich natürlich viel besser, was ich falsch gemacht habe. Abgesehen vom Zeitpunkt des Postens hätte ich unbedingt ein Bild dazu hochladen müssen: Zum Beispiel ich mit verschmiertem Mund und leicht genervtem, aber immer noch coolem Gesichtsausdruck über meinem Teller “Arme Ritter” und Patrick Swayze mit verschwitztem, nacktem Oberkörper im Hintergrund.

Damals nehme ich die ausbleibenden Reaktionen aber sehr persönlich und denke, das muss aufhören, diese Sucht, diese Abhängigkeit, denke ich, nach virtueller Bestätigung und so. Also setze ich dem Elend ein entschlossenes Ende… und lösche mein Facebook-Profil.

Nicht mal 24 Stunden später verstirbt Patrick Swayze. Und ich hab leider keine Chronik mehr, um am nächsten Tag zu posten: “RIP, Patrick! You were my first love.”

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 Hach, der Text von Svenja hat es in das Theaterstück “Ich und die anderen oder die leidenschaftliche Beschäftigung mit sich selbst” geschafft! Von 01. – 05. Juli 2014 läuft das Stück im Gemeinschaftshaus Gropiusstadt in Berlin-Neukölln ab 19:30 Uhr: https://www.facebook.com/events/671183856289354/

3 comments

  • Martin  

    Wie, FB-Profil gelöscht? Was kann FB dafür? Naja, irgendwie ja schon was, denn schließlich ist es so angelegt, dass hier die heile Welt zelebriert wird, in der alle zeigen, wie glücklich sie sind, schöne Monente teilen und liken. Disliken geht nicht und pessimistische Posts werden in der Regel nicht populär. (Eigentlich mal ne schöne Abwechslung zu regulären öffentlichen Nachrichten.) Aber eigentlich find ich das ne schöne Idee, dass man FB öfter mal mutig nutzt, um nach Begleitung zu suchen. Oft hab ich solche Posts schon zu spät gesehen und hätt mich gern angeschlossen.

    • Svenja  

      Hallo Martin,
      ja, genau das wollte ich deutlich machen: dass man von dem Like-Reflex der anderen ganz schleichend abhängig geworden ist – aber die virtuelle Bestätigung für das persönliche soziale Miteinander gleichzeitig sowieso nur ein schlechter Ersatz ist. In diesem Sinne war die Löschung des FB-Profils eine symbolische Handlung, ein Hinwendung zu meinen Freunden im nicht-virtuellen Leben. Denn deren Zuneigung ist unabhängig von jeglichen FB-Mechanismen… Liebe Grüße!

      • Martin  

        Hi Svenja,
        dazu passt ja auch der neue Eintrag hier sehr gut: http://bluestory.de/2014/06/26/whats-on-your-mind-facebook-film/ Aber ich seh immer noch nicht ein, warum FB so über unser Leben bestimmen soll und nicht wir über FB? Natürlich sind die Schönfärberei-Mechanismen schon direkt bei FB eingebaut, aber letzten Endes liegt es doch bei uns, wie wir das Medium benutzen. Ich beziehe mich jetzt auf den verlinkten Film und die zitierten Kommentare darunter: Wenn meine Freunde auf FB nur Werbematerial von sich posten würden, dann wäre wirklich was im argen – aber doch nicht mit FB, sondern mir meinen Freunden! Von daher find ich Deine Flucht aus FB etwas schade. Nicht wegen FB, sondern, weil Du FB ja mitgestaltet hast, und damit auch die Welt der anderen. Wenn wir alle Posten würden, wenn uns langweilig ist oder wir uns einsam fühlen – meinst du nicht, dass wir dann öfter überraschende Gesellschaft bekämen? Ich fänds toll und stelle mir das gerade als virale Kampagne vor.
        Liebe Grüße, Martin

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