“Facebook überlebt uns” – My Blue Story

Junger Mann im Gras stehend streut Blüten in den Himmel. Foto in Sepia-Optik.

Foto: Andre Becher/ www.jugendfotos.de

Kurz vorm ins Bett gehen nochmal schnell bei Facebook vorbeigeschaut. Die aktuellsten Statusmeldungen einiger Freunde checken, kurz gucken was es auf dem vom Arbeitskollegen geposteten Video zu sehen gibt und dann ausloggen… Oh, Moment, Y. hat heute Geburtstag, steht oben rechts in der Ecke, muss also stimmen. Von dem habe ich ja schon ewig nichts mehr gehört. Wie es ihm wohl geht? Was er wohl so macht? War er nicht weggezogen? Wir kannten uns nicht gut, hatten ein gemeinsames Hobby, das er dann studienbedingt an den Nagel gehängt hat. Ein lustiger Vogel, immer gut drauf, ein offener, sympathischer Kerl. Ach komm’, dem gratulierst du noch schnell, denke ich mir. „Alles Liebe und Gute, feier’ so bunt du kannst“ schreibe ich ihm auf die Pinnwand. Ausloggen. Schlafen gehen.

Am nächsten Tag telefoniere ich mit einem Freund. Auch er kennt Y. Wir plaudern über dies und das, lachen viel, wollen gerade wieder auflegen. Dann unterbricht uns ein Piepsen. Ein Piepsen, das von einer Sekunde auf die nächste die Stimmung kippen, unser Gespräch verlängern und uns über den Sinn des Lebens philosophieren lassen wird. Das Piepsen kommt von einer neuen Facebook-Nachricht. Komisch, ich kenne den Jungen, der mir da schreibt, nicht. Ob das einer von den Idioten ist, die über soziale Netzwerke eine Freundin suchen und einfach alle, deren Profilbild ganz nett aussieht, anschreiben? Ich bin kurz abgelenkt von meinem Telefonat und will schon auf “Löschen” drücken, als ich unterbewusst die Nachricht überfliege.

„Hallo“ steht da. Der Rest lässt meinen Atem stocken. „Hallo, Y. ist Anfang März verstorben. Er ist meines Wissens in der Dusche gestürzt und wurde Tage später gefunden“. Der Junge, der mir das schreibt ist nicht auf Freundinnensuche. Er ist ein Freund von Y. Und hatte meine Glückwünsche auf Y.’s Pinnwand gesehen.

„Hallo? Alles ok?“ tönt es aus meinem Telefon. Langsam komme ich wieder aus meiner Trance zurück.

„Nein“, sage ich. „Y. Ist tot“.

Was dann folgt sind viele Fragen, Tränen, Wut. „Er war doch noch so jung!“.  „In der Dusche…wie furchtbar“. „Wo er wohl beerdigt ist?“. Über weitere Nachrichten mit dem Unbekannten erfahren wir, dass er in München bei seiner Familie beigesetzt wurde. Wo genau, weiß er nicht.

Y. hatte hunderte Facebookfreunde. Gestorben ist er alleine. Seine Facebookseite existiert noch. Vor ein paar Tagen hatte er wieder Geburtstag. „Alles Gute, wo auch immer du jetzt bist. RIP“ hat ihm ein Freund auf die Pinnwand geschrieben. Davor hatten ihm noch etliche „Happy Birthday“ gewünscht. Ob sie auch in den nächsten Tagen von einem Piepsen überrumpelt und danach ihr Leben bewusster leben werden? Wir werden es wahrscheinlich über Facebook erfahren.

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