“Die kleine Schwester kehrt zurück” – My Blue Story

Foto: Clara Lehmann / www.jugendfotos.de, CC-Lizenz(by-nc)

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Ich war Einzelkind. Und konnte mich damit nie so recht anfreunden. Von Seiten meiner Eltern war jedoch nicht zu erwarten, dass sich an diesem Zustand noch einmal etwas ändern würden, was dadurch besiegelt wurde, dass ihre Ehe unsanft in die Brüche ging. Es mangelte mir zwar nicht an Freunden. Doch etwas fehlte, und das sollte sich tatsächlich ändern.

Sie kam plötzlich in mein Leben und beherrschte es schon bald. Mein Vater und ihre Mutter hatten sich in einem Verein kennengelernt, und sie hing von Anfang an wie eine Klette an meiner Seite. Das war auch durchaus wörtlich zu nehmen, wodurch sie sich schnell den Spitznamen “Äffle” einhandelte. Überflüssig anzumerken, dass sie dieser Umstand wenig störte. Wir wurden unzertrennlich, spielten nach der Schule, verbrachten Wochenenden und Ferien zusammen.

Bis heute erinnere ich mich gern an diesen Kindheitsabschnitt zurück, der so glücklich war und doch so jäh endete. Auf einmal war meine kleine Schwester aus meinem Leben verschwunden. Die Gründe für diesen plötzlichen wortlosen Abschied sollte ich erst lange Zeit später begreifen. Der Schmerz dauerte an, auch wenn er schwächer wurde – noch viele Jahre trug ich meinem Vater nach, wie rücksichtslos er aus meinen Augen gehandelt hatte.

Vergessen konnte ich sie nie. Nicht die glücklichen Momente, nicht die Rivalitäten, die dann und wann wie unter Geschwistern aufflammten, und auch der Schmerz war immer im Unterbewusstsein verankert. So lebten wir unser Leben, ohne vom anderen zu wissen.

Bis zu jenem Tag, an dem der leise Schmerz wieder spürbarer in Erscheinung trat. Im September 2010 gab ich ihren Namen in die Facebook-Suche ein – und wurde fündig. Es folgte ein tagelanger Dialog voller Verwirrungen, denn ihre Erinnerungen aus dieser Zeit waren völlig ausgelöscht. Zwar war mir klar, dass es nie so werden würde, wie es einmal war, doch damit hatte ich nicht gerechnet. Dennoch entstand bald wieder eine gewisse Vertrautheit, und es blieb ein loser Kontakt. Und eines Tages tauchte in meiner Timeline unter ihrem Namen das Foto einer wohlbekannten Location auf – und ich wusste: sie ist hier! Hier in der Stadt!

Wir verabredeten uns, und trotz des mulmigen Gefühls, das bleibt, wenn man aus den Augen verlorene Freunde nach 20 Jahren wiedertrifft, siegte die Vorfreude – wir trafen uns. Der Moment, sie nach 20 Jahren wieder in den Armen zu halten, das vertraute und doch so fremde Gefühl, waren die Belohnung. Wenn Facebook wieder zu nerven beginnt, denke ich an diesen Tag zurück.

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